Wie Progres und Croatia es einst in die Oberliga Hessen schafften - und dann pleite gingen

Historie: Die Entwicklung der "Ex-Jugovereine" in Frankfurt

29. Januar 2017, 14:00 Uhr

Mannschaftsbild des FC Tempo in den späten Siebziger Jahren auf dem Sportgelände des VfR Bockenheim. Foto: privat.

Der Amateurfußball in Frankfurt ist auch deswegen so interessant, weil so viele sogenannte "Migrantenvereine" am Spielbetrieb teilnehmen. Einen großen Teil dieser Geschichte haben Klubs aus dem ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien geschrieben. Noch heute gibt es sieben "Balkan-Klubs" von der Kreisliga A bis zur Gruppenliga Frankfurt West. Zwei Vereine, die es einst bis in die Oberliga Hessen schafften, existieren heute nicht mehr.

In den 60er Jahren kamen Gastarbeiter aus ganz Südeuropa nach Deutschland und damit auch in die Mainmetropole. Vorwiegend waren es Türken, Griechen, Portugiesen, Spanier, Italiener und die Jugoslawen. Anfang der Siebziger Jahre gründeten sich die ersten ausländischen Sportvereine. Der DFB sträubte sich anfangs noch, integrierte sie dann aber doch in den Spielbetrieb der untersten Klassen. Fußball-Romantiker erinnern sich an Klubs, die heute längst nicht mehr existieren. Genclerbirligi, Barisspor, Özgürspor für die türkische Gemeinde. Der SV Pansereikos und der FSV Hellas (schaffte es bis in die Landesliga) repräsentierten Griechenland. Die Italiener waren stark vertreten mit dem FC Italia (Landesliga), FC Delfini, FC Trapani, Azzurri del Sud, Italia Fechenheim, Italia Enkheim. Heute gibt es keinen einzigen italienischen Verein mehr. Die portugiesische Fahne hält heute nur noch der SV Sandhof Niederrad in der Kreisliga B hoch, nachdem sich Sporting Eckenheim aufgelöst hat. Auch die Spanier haben keinen Verein mehr. Union Deportiva Española war in den Neunziger Jahren eine kurze und erfolglose Episode. Erfolgreicher waren da die Galizier der Peña Gallega, die in den Nullerjahren in der Bezirksliga vertreten waren. Dann gab es keinen Nachwuchs mehr und der Fußballverein, der am Römerhof bei Schwarz-Weiß Griesheim kickte, verschwand wie alle zuvor genannten Klubs von der Bildfläche.

Seit Wochen haben wir an diesem Artikel recherchiert und gebastelt. Unterstützt hat uns dabei Zoran Marcetic, der heutige Trainer des serbischen Kreisoberligisten FC Tempo. Er hat uns historische Bilder aus seinem Privatarchiv zur Verfügung gestellt und historische Fakten über die heute noch existierenden und aufgelösten Vereine aus dem ehemaligen Jugoslawien zusammengestellt. Vom FV Progres bis zum SV FC Sandzak haben wir dabei keinen Verein ausgelassen.

FV Progres

Historisch: Der FV Progres 1994/95 auf Platz drei der Abschlusstabelle der Oberliga Hessen.

1971 gründete sich mit dem FV Progres der erste jugoslawische Fußball-Club in Frankfurt. Auch der spätere Bundesligatrainer Dragoslav Stepanovic spielte einst für Progres, was so viel wie "Fortschritt" heißt. Später wurde er weit vor seiner Ankunft im Profibereich (Lebbe geht weider) auch der Trainer des FV Progres. Bis in die späten Achtziger Jahre war der Klub im Kreis Frankfurt beheimatet und spielte auf dem Niveau der heutigen Kreisoberliga. Als 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg ausbrach, spülte dieser Konflikt, der zum Zerfall des Vielvölkerstaates führte, massenhaft jugoslawische Profifußballer in die Mainmetropole. Die meisten landeten bei Progres und damit begann der Aufschwung des Klubs. Aufstieg in die Bezirksoberliga West, Durchmarsch in die Landesliga Süd und 1994 der Aufstieg in die Oberliga Hessen.

Der heute 36-jährige Marcetic erinnert sich: "1992 kamen durch den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien viele Profis wie Branko Miljus (Hajduk Split) und Muhamed Koljenovic (Buducnost Titograd) zu Progres. Er war Kapitän und spielte mit den Nationalspielern Predrag Mijatovic und Dejan Savicevic im heutigen Podgorica zusammen". Die Profis waren in den Amateurligen unterfordert. Progres spielte in den Neunziger Jahren in Niederrad an der Hahnstraße und war von der dortigen SKG nur geduldet. Nach dem Aufstieg verkaufte der Klub Nenad Markicevic in die Erste Liga nach Portugal mit einer hohen Ablösesumme. Nenad Drljaca wurde in die 2. Liga zum FC Homburg transferiert. Sensationell war das Abschneiden in der Saison 1994/95, als Progres hinter dem SC Neukirchen und den Eintracht Amateuren Dritter wurde und den Aufstieg in die Regionalliga Süd knapp verpasste. "Progres ist auch während des Bürgerkrieges immer die Jugoschiene gefahren", weiß Marcetic noch.

Im Folgejahr ging es bergab. Es kam zu ersten Streitigkeiten zwischen Vorstand und Sponsoren und das erfolgreiche Team brach auseinander. Progres stieg als Tabellenletzter 1996 in die Landesliga Süd ab. Das Aus für den Verein kam zwei Jahre später, als der Hessische Fußball-Verband (HFV) während der Saison 1997/98 festlegte, dass alle oberhalb der Bezirksoberliga spielenden Vereine mindestens zwei Jugendmannschaften zum Spielbetrieb angemeldet haben müssten. Zur Saison 1998/99 wurde der FV Progres deswegen in die Bezirksoberliga herabgestuft, woraufhin die Mannschaft auseinander fiel und sich der Verein noch vor Beginn der Saison auflöste. Dazu Marcetic, der die Spiele von Progres als Jugendlicher auf dem Sportplatz verfolgte: "Bei Progres wurden die zwei großen Sponsoren wegen Steuerhinterziehung festgenommen,dann gab es kein Geld mehr und die ganzen ExProfis waren sofort weg. Dann kam von der FIFA eine Geldanforderung wegen eines Transfers, es konnte zu dem Zeitpunkt keiner mehr die Situation ändern". Die Folge: 1998 wurde das Geschichtsbuch des FV Progres für immer zugeklappt.

Auch die SG Croatia schaffte es in die Oberliga

Im Zuge des 1991 entbrannten Konfliktes spalteten sich vor allem die Kroaten ab und gründeten auch in Frankfurt ihre eigenen Vereine. Der SV Croatia und der FC Dubrovnik waren hier federführend. Der heutige Sportliche Leiter des Nachfolgevereins FC Croatia in der Kreisliga A Nordwest, Stanislav Konta, erinnert sich: "Der SV Croatia stieg Mitte der Neunziger Jahre in die Landesliga auf. Da Dubrovnik da schon spielte, haben die sich zusammen getan und die Kräfte in der SG Croatia gebündelt". Nach mehreren Jahren im Mittelfeld der Landesliga Süd gewann Croatia im Jahre 2000 die Meisterschaft und stieg in die Oberliga Hessen auf. Der Verein spielte am Römerhof vor manchmal 1000 Zuschauern. Die Oberliga konnten die Kroaten jedoch mit dem vorletzten Platz nicht halten. Nach dem Abstieg spielte die SG noch einige Jahre in der Landesliga. Dann ging das berühmte Geld aus, der Sponsor sprang ab und der Verein ging 2004 pleite.

Drei Jahre später, im Jahre 2007, war das Interesse an einem kroatischen Fußballklub jedoch ungebrochen und der FC Croatia wurde gegründet. Der Verein spielt seitdem in Heddernheim und schaffte es 2011 in die Kreisoberliga. Nach dem sofortigen Wiederabstieg 2012 spielt Croatia in der Kreisliga A Nordwest. Momentan stehen die Kroaten auf Rang zwei, die Rückkehr in die KOL wird angepeilt. "Zum zehnjährigen Jubiläum 2017 wollen wir aufsteigen", gibt Konta das Saisonziel aus.

FC Tempo

Mannschaft des FC Tempo in den Siebziger Jahren auf dem Sportplatz an der Wilhelm-Epstein-Straße. Foto: privat.

Der FC Tempo gründete sich 1973 als jugoslawischer Klub und spielte erst in Rödelheim auf dem Hartplatz. Hasan Duric, Mile Banovic und Ljubo Cucak waren die Pioniere des Klubs, der bis vor kurzem noch KSV Tempo hieß. In den Neunziger Jahren positionierte sich der nun an der Ginnheimer Woogwiese spielende Verein als Klub für die serbische Gemeinde. Gerade in dieser Zeit war das Zuschaueraufkommen bei "Balkan-Derbys" enorm, wie Marcetic sagt: "In den 90er Jahren waren bei den Ex-Yu-Derbys immer 400 bis 600 Zuschauer auf dem Sportplatz. Progres-Croatia und
Tempo-Dubrovnik. Das waren große Derbys". Der größte Erfolg Tempos war indes die Meisterschaft in der Bezirksliga Frankfurt 2008 und der damit verbundene Aufstieg in die heutige Gruppenliga Frankfurt West. Dort konnte sich Tempo nur zwei Jahre halten und spielt seit 2010 in der KOL. Dort kämpft der Verein heute um den Klassenerhalt und war in der letzten Saison schon sportlich abgestiegen. Nur der Rückzug der Reserve der Spvgg. 05 Oberrad rettete die Serben vor der A-Klasse.

Aus Jugo Bornheim wurde der FC Posavina

Jugo Bornheim spielte im Ostpark. In den Neunziger Jahren fanden Vorstandswahlen in Bezug auf die Umbenennung des Vereinds statt. "Die Kroaten haben gewonnen,die übrigen Serben wechselten zu Tempo. Dejan Dancic zum Beispiel. Er spielte lange in der Ersten, heute in der SOMA, aber er hilft noch in der Zweiten aus", erzählt Marcetic. Vorübergehend nannte sich Jugo Bornheim in AC Mladost um. Später wurde daraus der heutige FC Posavina, der in der Kreisoberliga spielt. Früher spielte man in Seckbach, seit langem jedoch am Riederwald.

Aus der KSG Bosnien-Herzegowina wurde der SV BKC Bosnien

1992 meldete sich die KSG Bosnien-Herzegowina für den Spielbetrieb in der damaligen C-Klasse an. Auch die Bosnier hatten damit ihren eigenen Verein gegründet und spielen seitdem an der Ackermannwiese. Laut Experte Marcetic war Hasan Duric entscheidend an der Gründung des neuen Vereins beteiligt. Relativ rasch ging es schon Mitte der Neunziger Jahre in die damalige Bezirksliga, wo man sich trotz einiger weniger Abstiege dauerhaft etablierte. 2012 erfolgte die Umbenennung in SV BKC Bosnien. Das Bosnjacki Kulturni Center (Bosnisches Kulturzentrum an der Mainzer Landstraße) hat sich mit dem Fußballverein verschmolzen. 2016 dann mit dem Aufstieg als Vizemeister der KOL in die Gruppenliga Frankfurt West der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Im Sommer feiern die bosnischen Fußballer 25-jähriges Jubiläum. "Wir wollen dieses historische Ereignis mit dem Klassenerhalt gebührend feiern", sagt SV BKC-Pressesprecher Asmir Husanovic.

Aus Jeta e Re wurde der FC Kosova

1992 meldete mit dem FC Jeta e Re auch ein Verein für die Kosovo-Albaner für den Spielbetrieb. Aus diesem wurde schnell der FC Kosova. Federführend hier Rudi Statovci, der früher auch bei Progres spielte. Statovci führte den FC Kosova in die Bezirksliga Frankfurt und etablierte den Verein auf einem der Spitzenplätze. Für den Aufstieg reichte es für die Kosovaren aber nie. Was vielleicht an der maroden Sportanlage an der Wilhelm-Epstein-Straße lag. Gäbe es einen Preis für die schlechteste Sportanlage Frankfurts, der Preis wäre schon vergeben. Hier ist nicht nur der FC Kosova untergebracht. Auf den zwei Hartplätzen unter dem Fernsehturm (der Rasen wird kaum benutzt), tummeln sich noch der FC Maroc und die Griechische Sport-Union. Vor einigen Jahren bestanden die Torpfosten noch aus Holz und die Tornetze aus Draht. Trotz ehemaliger Profis wie Adrian Dashi und Alvaro Zalla, die heute noch für Kosova spielen, stieg der Verein 2013 aus der KOL ab und kam nicht mehr wieder. Heute fristet man ein tristes Dasein im grauen Mittelfeld der Kreisliga A Südost.

MKSV Makedonija kam nie über die A-Liga hinaus

Bislang noch nie über die A-Liga hinaus kam der MKSV Makedonija. Ende der 90er Jahre spielten die Mazedonier in der B-Klasse an der Fechenheimer Pfortenstraße und lösten sich einige Jahre später wieder auf. Zur Saison 2004/05 erfolgte die Neugründung. Seither kicken die Mazedonier auf dem Frankfurter Berg und mittlerweile konstant in der Kreisliga A Nordwest. Somit ist Makedonija der einzige "Ex-Jugo-Verein", der noch nie über die A-Klasse hinaus kam.

SV FC Sandzak klopft an das Tor zur Verbandsliga Süd

Erst 2008 gegründet, klopft der jüngste Frankfurter Balkan-Verein 2017 an das Tor zur Verbandsliga Süd an. Der Weg dorthin war mühsam für den Verein, der die grenzübergreifende Region zwischen Serbien und Montenegro repräsentiert. 2009 Aufstieg in die A-Klasse Nordwest, dann dauerte es fünf Jahre, bis der an der Oeser Straße in Nied spielende Verein als Meister in die KOL aufstieg. Der marode Sportplatz in Nied (fußballtechnisch zum Main-Taunus-Kreis gehörend) wurde als Spielort nicht mehr akzeptiert. Es folgte eine Odyssee des heimatlosen Vereins, Heimspiele mussten beim jeweiligen Gegner ausgetragen werden, bis Sandzak im Herbst 2014 mit dem Kunstrasenplatz in Bonames eine Heimspielstätte zugewiesen bekam.

Mit dem ehemaligen Regionalligaspieler Murat Sejdovic als Spielertrainer und zahlreichen Profis aus der Heimat vom Erstligisten FK Novi Pazar gelang Sandzak der Durchmarsch in die Gruppenliga Frankfurt West. Dort angekommen, musste der Verein sechs Punkte Abzug wegen fehlenden Unterbaus einstecken. Trotzdem reichte es zu Rang fünf. In der aktuellen Saison hat Sandzak mit einem potenten Sponsor, aber mangelnden Vereinsstrukturen als Tabellenzweiter die Verbandsliga im Visier. Auch im Kreispokal steht Sandzak im Halbfinale. Mittelfristig hat der Verein das Potenzial, um bis bis in die Hessenliga vorzustoßen. Ob sich ein solches Gebilde dann dauerhaft halten kann, hängt von den bekannten Faktoren ab. Progres und Croatia dienen als warnende Beispiele für Sandzak.

Wir bedanken uns bei Zoran Marcetic (FC Tempo) und Stanislav Konta (FC Croatia) für ihre Mitarbeit an diesem Artikel.

Autor: Pedro Acebes

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