SG Barockstadt: „Letzte Saison mit einem Defizit abgeschlossen“
Christian Geisendörfer (links) und Martin Geisendörfer waren zu Gast in unserer Redaktion und sprachen mit uns über die SG Barockstadt. © Tobias Konrad
Fangen wir sportlich an und wagen eine steile These. Die SG Barockstadt hat sich top verstärkt und ist deutlich besser aufgestellt als letzte Saison. Trotzdem geht es nur um den Klassenerhalt, weil auch die anderen enorm aufgerüstet haben?
Martin Geisendörfer: Das ist auch meine Meinung. Genau deshalb sind wir ja den Weg gegangen und haben uns derart verstärkt. Letzte Saison war unser Glück, dass wir nur wenige Verletzte hatten. In der Rückrunde hat man dann gesehen was passiert, wenn die Gelbsperren und Ausfälle kommen. Da wurde die Luft dünner. Jetzt sind wir in der Breite viel besser aufgestellt. Wir haben viel Tempo hinzu geholt und können auch mal vier, fünf Ausfälle ersetzen. Da muss ich Christian loben, der beispielsweise Moritz Dittmann ausfindig gemacht hat.
Wie haben Sie einen Spieler wie Dittmann gefunden?
Christian Geisendörfer: Florian Roth hat mit der U23 zwei Mal gegen Schweina und Dittmann gespielt. So haben wir ihn zum Training eingeladen.
Martin Geisendörfer: Das war übrigens der erste Spieler überhaupt, den Sedat Gören sofort nach dem ersten Training haben wollte. Da hätte unser Trainer am liebsten sofort nach dem Training den Vertrag unterschreiben lassen. Auch Rot-Weiß Erfurt war stark an ihm interessiert.
Es tummeln sich in den Vorbereitungen immer viele Probespieler im Training, die vorspielen. Das stört den Ablauf. Ist es angedacht sich im Bereich Scouting neu aufzustellen und selbst auf die Suche nach Kandidaten zu gehen?
Christian Geisendörfer: Einen Scout zu beschäftigen, dafür sind wir noch zu klein. Die Kosten müssen wir uns sparen. Das Geld brauchen wir an anderer Stelle. Was wir nun neu haben ist jemand, der sich ehrenamtlich die Gegner anschaut und analysiert. Derjenige hat sich schon Walldorf und Freiberg angeschaut.
Wer ist das?
Christian Geisendörfer: Das macht Kilian Sitzmann jetzt für uns, der ja selbst jahrelang Fußball gespielt hat. Er hat da Spaß dran und steht in Abstimmung mit Trainer Sedat Gören.
Wenn man einen weiten Ausblick wagt, dann droht im kommenden Sommer ein größerer Umbruch. Patrick Schaaf, Marius Grösch, Dominik Rummel, vielleicht Aaron Frey könnten aufhören oder den Club verlassen...
Martin Geisendörfer: Deshalb haben wir ja dieses Jahr schon so viele junge Leute geholt, von denen wir uns viel erwarten und in deren Verträge wir auch gleich feste Ablösesummen haben eintragen lassen. Wenn sich die Spieler bei uns entwickeln, dann wollen wir auch etwas davon haben. Noch ist es ja auch nicht so weit, dass die erfahrenen Spieler tatsächlich Schluss machen oder einen anderen Weg einschlagen. Patrick Schaaf ist einfach eine Persönlichkeit, der vielleicht auch noch länger spielen kann. Seine Ansagen, die er in der Kabine macht, sind herausragend. Ich bin mal zufällig draußen vorbei gelaufen und habe gelauscht. Da haben sich die Nackenhaare gestellt. Auch Marius Grösch kann das klasse. Grösch hat sowieso einen Dreijahresvertrag, bleibt also noch mindestens zwei Spielzeiten. Mit Aaron Frey hätten wir gerne jetzt schon über die laufende Saison hinaus verlängert, aber er macht seinen Master und weiß nicht, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Vielleicht kommt ja auch ein Angebot aus der 3. Liga. Bei ihm muss man abwarten. Vielleicht können wir ihm eine berufliche Perspektive bieten.
Macht sich die gute Vorsaison im Dauerkartenverkauf bemerkbar?
Martin Geisendörfer: Wir haben schon einen deutlichen Zuwachs. Wir liegen bei über 300 VIP-Dauerkarten und zusätzlich 130 Jahreskarten. Insgesamt sind wir jetzt etwa bei 450 Karten, was doppelt so viel wie in der vergangenen Saison ist.
Wie sieht es in Sachen Sponsoring aus? Honoriert die Wirtschaft den Erfolg?
Martin Geisendörfer: Auch hier haben wir uns neu ausgerichtet und im ehrenamtlichen Bereich Leute gefunden, die im Marketing und der Akquise für uns unterwegs sind. Wir sind auf dem besten Weg, einen sechsstelligen Betrag mehr als vergangene Saison zusammen zu bekommen. Außerdem sind wir an zwei größeren Sponsoren dran, wo man schauen muss, wie es sich entwickelt.
Christian Geisendörfer: Es kamen sogar einige Gönner direkt auf uns zu. Auch das ist ein sehr gutes Zeichen, dass unser Weg der richtige ist.
Thema Stadion: Aktuell wird die neue LED-Flutlicht-Anlage aufgebaut, deshalb spielt man heute schon um 18 Uhr. Wie kommt der Bau ansonsten voran? Man ist ein halbes Jahr in Verzug und noch keine der beiden Kurven ist fertig...
Martin Geisendörfer: Es gab bislang uns gegenüber noch keine Aussagen der Stadt, wann die Fertigstellung nun geplant ist. Das finde ich ein bisschen befremdlich. Diese Woche habe ich dann in der Zeitung gelesen, dass die Fertigstellung jetzt für das letzte Drittel des Jahres angedacht ist.
Nächster Schritt des Umbaus wäre die Gegentribüne, wo sich der Verein gerne einen VIP- und einen Gaststättenbereich wünscht. Hängt man auch hier in der Schwebe?
Martin Geisendörfer: Da sind wir in Diskussion mit der Stadt und gehen bald in die Vorplanung. Auch wir werden dazu einen Vorentwurf vorlegen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Tribüne vielleicht als Vereinsmaßnahme bauen und die Stadt das Ganze mit entsprechenden Verträgen refinanziert – das würde auch eine gewisse Kostensicherheit bringen. Bislang sind 18 Millionen verbaut, von denen man auch deshalb nicht viel sieht, weil vieles Infrastruktur ist, die nunmal unter der Erde liegt und die man deshalb nicht sehen kann. Aber ich bleibe dabei: Schöner wäre ein reines Fußballstadion gewesen.
Was hätte das gekostet? Hätten da die bisher investierten 18 Millionen vielleicht ausgereicht?
Martin Geisendörfer: Da hätten wir schon ein gutes Fußballstadion hinstellen können. Das ging aber nicht wegen der Leichtathletik. Dadurch, dass du wegen der Laufbahn rund bauen musst, hast du 50 Prozent mehr Baukosten.
Thema Sebastian Möller. Der Manager hat die SGB verlassen. Seine Lücke wird auf mehrere Schultern aufgeteilt. Bisher gab es noch kein offizielles Statement vom Verein, wie die Rollen aufgeteilt worden sind. Wer übernimmt was?
Martin Geisendörfer: Sicherheitsbeauftragter ist mein Bruder Roland. Er kennt das Stadion, hat es mit umgebaut und weiß genau, was zu beachten ist. Was die Sportliche Leitung angeht, bleibt die Regionalliga in den Händen von Volker Bagus, Dirk Schütrumpf und Christian. Die Leitung der U23 haben Daniel Martella, Christian und Mario Henning unter sich.
Christian Geisendörfer: Hier werden wir im Bereich Verzahnung der U19 und U23 neue Wege gehen, noch enger aneinander rücken und versuchen, so eine noch größere Bindung zwischen dem Jugend- und Seniorenbereich zu schaffen.
Es gab vor Corona mal die Idee, eine Art Nachwuchsleistungszentrum, vielleicht in Form einer Tagesstätte, zu bauen. Gibt es die Idee noch?
Martin Geisendörfer: Das ist für uns nicht finanzierbar. Die Kosten und Auflagen wären einfach zu hoch. Da müssten wir eine halbe Millionen pro Saison mehr zur Verfügung haben.
Dennoch: Im Jugendbereich ist noch einiges zu tun...
Christian Geisendörfer: Wir haben schon einiges getan und sind sowohl im Trainer, als auch im Spielerbereich besser aufgestellt. In der U19 haben wir einen guten Kader für die neue Saison und mit Knut Seuring und Matthias Wilde tolle Trainer. Wilde als „Co“ zu gewinnen, war für uns der Jackpot. Vom Kader her ist das ein starker 2005er-Jahrgang, an dem wir auch im Seniorenbereich viel Freude haben werden. Wir sollten das Abschneiden auch nicht so sehr vom Tabellenplatz abhängig machen: Wenn wir nächstes Jahr sagen können, dass acht Spieler rauskommen, alle sind im U23-Kader und zwei packen den Sprung in den Kader der Regionalliga, dann sind wir zufrieden. Auch einen Aufstieg der U23 in die Hessenliga sollte man nicht erzwingen wollen. Wenn es mal klappt, dann wehrt sich hier niemand bei uns. Wichtiger ist aber, dass sich die Jungs ohne Druck entwickeln.
Letzte Saison war der Etat siebenstellig. Wie hoch sind die Kosten diesmal veranschlagt?
Martin Geisendörfer: Wir haben die vergangene Runde mit einem Defizit nahe am sechsstelligen Bereich abgeschlossen. Diese Lücke haben die üblichen Gönner nachträglich gedeckt. Das kommt aber auch durch die Baustelle Stadion. Wir haben viel weniger Zuschauerkapazität und enorme Zusatzkosten. Jeder Monat, in dem das Stadion nicht fertig wird, tut uns richtig weh. Auch gegen die Eintracht im Testspiel hätten wir locker 5000 Karten mehr verkaufen können. Das wären auf einen Schlag 70000 Euro gewesen. Der neue Etat liegt jetzt etwa bei 1,5 Millionen, wobei das ein Gesamtetat ist, der sämtliche Kosten des Vereins beinhaltet. Bei den aktuellen Energiekosten weiß jeder was wir stemmen müssen, wenn 16 Senioren- und Jugendmannschaften täglich trainieren und duschen.
Zur Person Martin Geisendörfer
Martin Geisendörfer ist das Gesicht der SG Barockstadt . 1965 gründete er den TSV Lehnerz, wie der Verein damals noch hieß, mit und ist ihm noch fast 60 Jahre später als Finanzvorstand treu. Der Diplom-Bauingenieur war bis zu seinem Ausscheiden 2017 mehr als 34 Jahre für die „Bickhardt Bau AG“ tätig. „Dann hatte ich eigentlich vor auszusteigen. Aber nach einer mehrwöchigen Weltreise war ich voller Euphorie“, erklärt der 65-Jährige, der neben der SG Barockstadt mit „MARGE Consulting“ eine zweite große Herzensaufgabe hat. Geisendörfer ist Geschäftsführer des Fuldaer Unternehmens, das sich in der Projektentwicklung einen Namen gemacht hat. Die Firma betreibt unter anderem mehrere Hotels in Fulda, Leipzig und Bad Kissingen. Ihre Büros hat „MARGE Consulting“ am Alten Schlachthof in Fulda – dort, wo auch die kleine Geschäftsstelle der SG Barockstadt steht. Berührungspunkte mit seinem Verein, für den er einst als Aktiver in 15 Seniorenjahren am Stück kein einziges Spiel verpasste, gibt es also jeden Tag.
Zur Person Christian Geisendörfer
Christian Geisendörfer wächst nicht nur bei der SG Barockstadt immer mehr in die Fußstapfen seines Vaters hinein. Bei „MARGE Consulting“ ist der 35-Jährige als Projektleiter Teil der Geschäftsleitung. Geisendörfer junior studierte Bauingenieurwesen und eröffnete 2017 sein eigenes Ingenieursbüro – obwohl er eigentlich Sportjournalist werden wollte und ein Praktikum bei der „Bild“ machte. Der frischgebackene Familienvater wurde schon mit der Geburt beim TSV Lehnerz angemeldet, spielte lange selbst und baute die damals bestehende dritte Mannschaft bis hin zu einem Kreisoberliga-Team auf. Damals schnupperte er erstmals in die Funktionärsarbeit rein. Neben der SG Barockstadt schlägt sein Herz für Borussia Dortmund. Der glühende BVB-Fan und Dauerkarteninhaber auf der Südtribüne verpasste das letzte Barockstadt-Ligaheimspiel, um mit seinem Herzensverein die Bundesliga-Meisterschaft zu feiern – und fuhr gefrustet wieder nach Hause, nachdem Mainz 05 die Party gecrasht hatte.

