Die gute Seele: Wigbert Mahr

Als Ajax den Rasen kaufen wollte

25. August 2020, 13:00 Uhr

Seit über 65 Jahren für den RSV Petersberg aktiv: Wigbert Mahr. Foto: Michel Ickler

Es gibt keinen Verein, der ohne eifrige Menschen im Hintergrund überleben würde. Die guten Seelen des Vereins kennt meist kaum jemand, weshalb in unserer Serie jene Vereinsikonen im Rampenlicht stehen. Heute im Blickpunkt: Wigbert Mahr vom RSV Petersberg.

„Er liegt wie ein Teppich da“, „er hat Bundesliganiveau“ oder einfach „er ist der beste aus der Region“. Lobeshymnen über den Petersberger Rasenplatz hat Wigbert Mahr in den vergangenen Jahren viele gehört. Kein Wunder: Er pflegt den Rasen wie sein eigenes Kind – und das seit über 30 Jahren. Der 76-Jährige bezeichnet die Platzpflege selber als sein Steckenpferd und kennt den Biorhythmus des Grasteppichs in und auswendig. „Ich bin 320 Tage im Jahr am Platz und pflege ihn. Im Oktober kommen die Würmer, im Frühjahr die Ameisen“, erklärt er schmunzelnd. Es gebe immer etwas zu tun.

Einst sollte der Petersberger Rasen sogar abgetragen werden und in ein Stadion verlegt werden. Um welchen Verein es sich handelte, könne der ehemalige Linksaußen und zentrale Mittelfeldspieler nicht mehr sagen. „Es war entweder Ajax Amsterdam oder Schalke 04, die beide im Waidesgrund gegen Petersberg spielten.“ Letztlich ist der Deal gescheitert. Ein größeres Lob an die Platzqualität hätte es aber nicht geben können, frohlockt Mahr.

Seine Zeit beim RSV Petersberg begann allerdings viel früher. Genauer gesagt 1955 im Alter von elf Jahren. Seit jeher hat er sich stets dem RSV verpflichtet, wechselte nie den Verein und ist 65 Jahre später immer noch für die Grün-Weißen aktiv – natürlich in anderen Funktionen. Damals gab es noch keine klassischen Juniorenmannschaften, sondern nur eine Schüler- und Jugendmannschaft. „Das war manchmal schon abenteuerlich“, erinnert sich der Spielführer der Jugendmannschaft zurück. Im Pokalfinale gegen Neuhof trugen beide Mannschaften grüne Trikots und Leibchen gab es noch nicht. „Es wurde ausgelost, wer oberkörperfrei spielen musste. So etwas ist heute undenkbar.“ Neben der Auslosung verlor der RSV auch das Endspiel.

Mit 17 Jahren lief der Bayern-Fan erstmals für die Seniorenmannschaft der Grün-Weißen auf, vier Jahre später folgte sein persönliches Highlight im Petersberg-Dress. „Wir sind gegen Stadtallendorf in einem Entscheidungsspiel vor 2500 Zuschauer in die Hessenliga aufgestiegen. Das war einfach nur Wahnsinn.“ Es sollte allerdings das letzte Spiel von Mahr auf hohem Niveau gewesen sein. Das Schicksal machte ihm ein Strich durch die Rechnung.

Im Alter von 23 Jahren wollten Spieler des RSV zum Bundesligaschauen aufbrechen und verunglückten auf dem Weg zur Kneipe. Diagnose: doppelter Schädelbasisbruch. „Das war schon schlimm. Ich durfte lange Zeit keine Kopfbälle machen und mir wurde geraten aufzuhören. Man muss auch gestehen, dass ich nach dem Unfall nie wieder an meine Leistungen anknüpfen konnte“, bedauert er. Dennoch schnürte der 76-Jährige nochmals die Schuhe, hörte aber 1972 endgültig auf.

Die Finger von der Vereinsarbeit konnte Mahr allerdings nicht lassen und fungierte in den folgenden Jahren als Jugendtrainer, Seniorentrainer, Obmann, Platzwart, Zeugwart und Schiedsrichterbeauftragter. Gestandene Spieler wie Marco Wittke oder Alexander Vorndran gingen allesamt durch seine Schule. Zwei Mal – 1982 bis 1984 und 1988 – half er gar als Seniorentrainer aus als Not am Mann herrschte. „Ich hatte keinen Trainerschein und wollte das eigentlich nicht. Schließlich wurde ich überredet.“

Von 1990 bis 1999 Obmann der zweiten, von 2000 bis 2011 der ersten Mannschaft – Mahr verbrachte schon immer viel Zeit am Petersberger Sportplatz. Hinzu kommt die Arbeit als Platzwart (seit 1990), als Zeugwart (seit 2008) und als Schiedsrichterbeauftragter. Neben den Tätigkeiten für die Seniorenmannschaften steht die gute Seele des RSV zudem jeden Mittwoch für den Petersberger-Stammtisch hinter der Theke.

Eine Sache stößt Mahr allerdings böse auf: Unter anderem wurden in den vergangenen Wochen Tornetze am Sportplatz im Waidesgrund zerschnitten und Scherben werden regelmäßig auf der Tartanbahn hinterlassen. „So etwas kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und wenn ich die Menschen am Sportplatz auf Verbote anspreche, werde ich oft dumm angemacht“, bedauert er. Die Lust an der Arbeit lässt er sich durch solche Chaoten allerdings nicht nehmen. „Wo etwas anliegt, da wird geholfen. Mir macht die Arbeit nach wie vor Spaß und durch sie fühle ich mich jung.“