Die gute Seele: 21 Jahre lang in einer Männerdomäne
Carmen Kehr als Betreuerin bei FT Fulda und der Spvgg. Bimbach
Von einem "rabenschwarzen Sonntag" spricht Carmen Kehr mit einem Augenzwinkern, wenn sie an diesen einen Sonntag im Jahr 2014 zurückdenkt. Denn damals wurde sie am Sportplatz von FT-Trainer Romeo Andrijasevic und Vorstandsmitglied Torsten Eberle - Kehrs Bruder - dazu überredet, als Betreuerin bei den Turnern einzusteigen. "Da haben sie einen sehr guten Tag von mir erwischt, dass ich am Ende ja gesagt habe", so Kehr schmunzelnd.
Und so musste sich die Familie schon nach kurzer Zeit wieder vom Sonntagsbraten verabschieden. 2011 hatte sie zuvor nach 17 Jahren der Spvgg. Bimbach, dem Verein aus ihrem Wohnort, den Rücken gekehrt. Angefangen hat ihre Funktion als Betreuerin, als Sohn Kevin mit dem Fußballspielen bei den Bambinis begonnen hat. Aber selbst als der Sohnemann aufgrund schulischer und beruflicher Pflichten dem Fußball den Rücken gekehrt hatte, Kehr blieb bei der Spvgg. Und war dabei noch viel mehr als eine Betreuerin des Seniorenteams.
Jahrelang kümmerte sich die 48-Jährige um die Bewirtung des Clubheims und stellte sogar Kontakt zu Trainern her. So zum Beispiel zu Romeo Andrijasevic: "Wir sind zusammen aufgewachsen, mit seiner Schwester Jasna habe ich damals Deutsch gelernt, als sie von Kroatien nach Deutschland kam. Ich wusste, dass Romeo eine Trainerstelle sucht und habe den Kontakt hergestellt", erinnert sich Kehr an Andrijasevics Traineranfänge, die mit dem Gruppenliga-Aufstieg 2006 gekrönt wurden.
Bei Messis Premiere auf der Tribüne
An die Kameradschaft in Bimbach erinnert sie sich gerne zurück, "donnerstagsabends waren wir teilweise bis fünf, sechs Uhr im Häuschen". Highlights waren die Mannschaftsfahrten, insbesondere nach Willingen, und die "Komm-mit-Bildungsreisen" des DFB. Dreimal ging es für eine Woche nach Spanien, bei Lionel Messis Champions-League-Tordebüt 2005 gegen Panathinaikos Athen saß sie im Camp Nou. Auch als der heutige Trainer von FT Fulda den Verein 2007 verließ, blieb Kehr in Bimbach. Erst im Oktober 2011, als Christoph Wahl in der Saison von seinen Aufgaben entbunden wurde, ging auch die Betreuerin aus Solidarität.
Aber nicht nur aufgrund Andrijasevics Engagement bei FT Fulda passt es in sämtlicher Hinsicht, dass Kehr bis heute bei den Turnern aktiv ist. Die zweifache Mutter spielte beim Fuldaer Stadtclub selbst, als dieser noch eine Damenmannschaft hatte, auch dort bewirtete sie für einige Zeit das Vereinsheim. Ihr Vater Karl war zudem viele Jahre als Jugendtrainer im Club engagiert. Im Juni starb er nach langer Krankheit, Kehr hatte ihn bis zuletzt gepflegt. "Nach seinem Tod bin ich in ein Loch gefallen, wollte eigentlich nichts mehr machen. Durch den Fußball bin ich aber da raus gekommen", berichtet Kehr.
"Frauen und Fußball, das hat doch keinen Wert"
So steht sie den Fuldaern auch in der äußerst erfolgreichen Saison bei, FT grüßt in der Kreisoberliga Mitte ungeschlagen von der Tabellenspitze. Für die Familie war das Hobby nie ein Problem, und auch auf den Fußballplätzen hat Kehr kaum einmal ein negatives Wort zu hören bekommen. Nur an einen Fall in dieser Saison kann sie sich erinnern, der schlecht in Erinnerung geblieben ist. Im Spiel gegen Lauter entschied Schiedsrichterin Vanessa da Luz kurz vor Ende auf Strafstoß für FT. Die Empörung im Gäste-Lager war groß, Kehr begleitete die Unparteiische nach Spielschluss schützend in die Kabine. "Da hat dann eine Zuschauerin in unsere Richtung gerufen: 'Frauen und Fußball, das hat doch keinen Wert.' Ich habe ihr dann gesagt, dass sie dann doch besser daheim bleiben soll", so Kehr in ihrer gewohnt toughen Art.
"Ansonsten habe ich aber keine blöden Sprüche in meine Richtung mitbekommen, ganz im Gegenteil. Die Leute sind eher hilfsbereit und tragen schon einmal eine Kiste Wasser für dich", erzählt Kehr, die durch ihre vierte Saison bei FT Fulda nun schon in ihrem 21. Jahr als Betreuerin in der Männerdomäne Fußball ist. "So bin ich dann auch nicht unbekannt, viele kommen schon direkt auf mich zu. Es ist ein bisschen schade, warum es nicht mehr Frauen in diesen Bereichen gibt. Aber es ist ja ein generelles Problem, es will ja keiner mehr etwas machen." Kehr ist dabei ein positives Gegenbeispiel.

