Julian Wehner reut die „Schnapsidee“

Verbandsliga: Fehlschütze stellt sich

04. April 2017, 17:00 Uhr

Julian Wehner machte sich eine Menge Gedanken über seinen Fehlversuch. Foto: Charlie Rolff

Nein, das waren keine schönen Tage für Julian Wehner nach seinem versaubeutelten Elfmeter gegen den SV Adler Weidenhausen. Umso mehr spricht es für den 29-Jährigen, dass er sich vor dem ganz wichtigen Spiel seines RSV Petersberg bei Eintracht Baunatal stellt und über die vergangenen Tage spricht.

An die saisonübergreifend 18 (!) hintereinander verwandelten Elfmeter denkt seit ein paar Wochen niemand mehr. Mit seiner Eiseskälte vom Punkt verhalf Wehner dem RSV Petersberg zur Gruppenliga-Meisterschaft im vergangenen Mai und erzielte auch in dieser Saison schon wieder zahlreiche Treffer. Ohnehin bekommt Petersberg unfassbar viele Elfmeter, die Quote Wehners ist auch jetzt noch überdurchschnittlich gut. Ab November nahm das Unheil jedoch erstmals seinen Lauf: Gegen Sebastian Nödel vergab er kurz vor Schluss einen Strafstoß. Geschenkt, gewonnen wurde in Melsungen trotzdem 3:1 - auch dank eines Wehner-Elfmeters. Kein Grund, sich den nächsten nicht mehr zu nehmen und gegen Neuhof war er eine Woche später auch schon wieder treffsicher. Zeit für eine geruhsame Winterpause. Doch gleich im ersten Spiel des neuen Jahres, gegen Sand, scheiterte er erneut - diesmal am Aluminium. 2:0 wurde der damalige Spitzenreiter dennoch besiegt.

„Teuer“ wurde erst sein dritter Fehlversuch, eine Woche später gegen Flieden - diesmal hätte er bei der 1:4-Pleite das 1:0 erzielen können, doch das Leder verfehlte den Kasten. Coach Rolf Gollin war meilenweit davon entfernt, in dem gebürtigen Steinbacher einen Schuldigen zu suchen - ganz im Gegenteil: „In dieser Situation den Mut zu haben, da noch einmal die Verantwortung zu übernehmen, spricht für Julian“, gab der RSV-Coach nach dem Spiel zu Protokoll. Danach kam Adrian von Pazatka auf Wehner zu und unterbreitete ihm die Idee für den indirekten Strafstoß, Wehner überdachte dies und stimmte letztlich zu.

Wehner will nichts von Scheißegal-Mentalität hören

Schon jenen Elfmeter gegen die Buchonen nahm sich Wehner nicht in erster Linie freiwillig, vielmehr legte er sich die Kugel auf den ominösen Punkt, weil sonst keiner schießen wollte. Und daran änderte sich auch bis zum sagenumwobenen Spiel gegen Weidenhausen nichts. Im Abschlusstraining hatten Wehner und von Pazatka den Ernstfall erfolgreich geprobt, danach zwar das Team, allerdings nicht den Trainer (Wehner: "Das war dumm, er hätte uns vor der Peinlichkeit bewahrt") in die Pläne des indirekten Versuchs eingeweiht, der im Spiel vollkommen daneben ging. Von Pazatka verschlief das Einlaufen, Wehners Ball geriet zudem einen Tick zu weit. Spott und Häme gebührte beiden über die Maßen.

Heute nennt Wehner das Malheur eine „Schnapsidee“ und fügt an: „Schon nach der ersten schlaflosen Nacht war mir klar, dass wir das niemals hätten machen dürfen. Da gibt‘s keine Ausreden. Es ist absolut richtig, dass ich durch die Öffentlichkeit richtig auf die Fresse bekommen habe. Das war ein riesenriesengroßer Fehler. Im Nachhinein weiß ich gar nicht, warum ich mich dazu habe hinreißen lassen“ Letztlich sei das ganze Projekt komplett gescheitert, allerdings wäre Wehner nach den Fehlversuchen zuvor am liebsten auch gar nicht angetreten - fühlte sich aber letztlich in der Verantwortung - und nimmt die Schuld gänzlich auf sich: „Ich stand am Punkt, habe letztlich die Entscheidungsgewalt gehabt. Zwar war natürlich alles mit Adrian abgesprochen, aber ich hätte ihn auch einfach normal schießen können.“

Mit der Kritik kann er umgehen und findet sie bis zu einem gewissen Punkt auch vollkommen gerechtfertigt, allerdings will er sich eine „Scheißegal-Mentalität“ nicht vorwerfen lassen: „Wer mich kennt, weiß was ich für den Fußball opfere. Ich arbeite in Frankfurt, stehe deswegen um 4.30 Uhr auf, komme um 17.50 Uhr wieder in Hünfeld an und fahre von dort direkt ins Training und bin abends um 21.30 Uhr zu Hause.“ Viel Zeit für die Familie bleibt so schon nicht mehr übrig und ein Training verpasst Wehner selten bis nie. Ähnlich bedenklich findet er den Umgang mit der Videoaufnahme der Szene, die ein Weidenhausener Zuschauer gemacht hatte und sich rasend schnell im Netz verbreitete: „Früher hätten dazu drei Zeilen in der Zeitung gestanden, jetzt wird das Video schon während des Spiels verbreitet und dir direkt nach dem Duschen unter die Nase gehalten“, bemängelt Wehner das gesellschaftliche Problem des immer größer werdenden Voyeurismus auf verschiedenen Ebenen.

Für Mannschaft, Trainer und Zuschauer tut's ihm besonders leid

Wehner will sich fortan aber nicht mehr mit dem Gestrigen beschäftigen: „Schon im Montagstraining haben wir uns noch einmal mit dem ganzen Team besprochen, ich habe mich entschuldigt und gerade für die Mannschaft, den Trainer und die Zuschauer tut es mir unfassbar leid. Aber wer weiß, wofür die ganze Geschichte gut war. Ich zumindest habe für Baunatal ein richtig gutes Gefühl und hoffe auf einen Jetzt-erst-recht-Effekt. Ich glaube, wir sind noch enger zusammengerückt, als wir es ohnehin schon waren“ Mit 0:8 ging der RSV im Hinspiel unter, Goran Gajic verließ nachher die Kommandobrücke und der RSV strampelte sich unter Gollin schleunigst aus dem ganz tiefen tabellarischen Keller.

Gerne darf eine solche Serie diesmal schon eine Woche früher beginnen. Auch ganz ohne Elfmeter - und wenn doch, Julian Wehner wird nicht antreten: „Ich bin auch irgendwo froh, dass diese Verantwortung jetzt von mir weg ist und wünsche meinem Nachfolger alles Gute, er soll einfach die nächsten 20 reinschießen und wenn es bei ihm vielleicht keine Selbstverständlichkeit mehr sein sollte, dann nehme ich mir vielleicht auch wieder einen.“ Eben jene Selbstverständlichkeit hatte Wehner bei 18 Versuchen in Serie für Petersberg, aber Elfmeterschießen ist nunmal eine Kopfsache - Nachfragen in Leverkusen oder Frankfurt sind gestattet.

Autor: Johannes Götze