Torgranate-Analyse

Mit Weber auf solidem Mittelfeldplatz

Hessenliga: Türk Gücü Friedberg im zweiten Jahr stabiler

29. Dezember 2019, 14:31 Uhr

Shelby Printemps (rechts) stellt eine Bereicherung für Türk Gücü Friedberg dar. Foto: Charlie Rolff

Nachdem Türk Gücü Friedberg im ersten Hessenliga-Jahr bis zum letzten Spieltag um den Klassenverbleib zittern musste, sieht es zur Winterpause im zweiten Jahr deutlich besser aus. Unter der Regie des neuen Trainers Carsten Weber haben sich die Kreisstädter konsolidiert, was nicht nur der solide Tabellenrang elf dokumentiert. Auch in spielerischer und taktischer Hinsicht fand eine Weiterentwicklung statt.

So lief die bisherige Runde:

Hohe Personalfluktuationen stellen am Ober-Rosbacher Eisenkrain nichts ungewöhnliches dar. Weber musste bei seinem Amtsantritt 16 Abgänge registrieren und zunächst aus dem verbliebenen Restkader plus zehn Neuzugängen eine Mannschaft formen. Im weiteren Saisonverlauf kamen dann noch drei Nachjustierungen hinzu. Lediglich vier Testspiele im Juli waren nicht ausreichend, um die Automatismen einzuspielen, geschweige denn eine Stammformation zu finden.

So begann die Spielzeit mit zwei vermeidbaren Niederlagen gegen den KSV Baunatal (0:1) und bei Hessen Kassel (2:4) ohne Punkte. Der erste Saisonsieg gegen Mitaufsteiger TuS Dietkirchen leitete eine Erfolgsserie von fünf Partien ohne Niederlage ein, in der die Friedberger in Baunatal ein 1:1 holten, das Überraschungsteam FC Eddersheim 2:1 besiegten, beim SV Steinbach 2:0 gewannen sowie gegen Viktoria Griesheim 0:0 spielten.

Der 0:3-Niederlage beim damaligen Tabellenführer SG Barockstadt in Lehnerz folgten zwei 1:1 gegen die Mitaufsteiger RW Walldorf und SV Neuhof. Im Oktober gab es dann in sechs Partien wechselhafte Ergebnisse. Zwei Siege, ein Remis, aber auch drei Niederlagen warfen die Friedberger etwas zurück. Besonders schwach war die Darbietung im vorgezogenen Spiel beim abgeschlagenen Schlusslicht FSV Fernwald, wo die Türk Gücü-Cracks eine 2:5-Niederlage quittierten, für die sie sich aber schon drei Tage später mit dem 3:1-Sieg gegen Waldgirmes rehabilitierten.

Auch der November brachte wenig Konstanz, aber immerhin noch sieben weitere Punkte ein. Einem guten Spiel wie gegen Hessen Dreieich (4:3), folgte ein ganz schlechtes gegen Kassel (0:5), ein mittelmäßiges in Dietkirchen (2:1) sowie wieder ein schwaches im Derby gegen Bad Vilbel (0:4). Zum Jahresabschluss gegen den Letzten Fernwald, sah es sogar nach einer weiteren Pleite aus, ehe Dorian Miric in der 86. Minute wenigstens noch einen Zähler rettete.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

Als Volltreffer erwies sich die Verpflichtung von Torhüter Tolga Sahin vom Hessenliga-Meister FC Gießen. Der 22-jährige avancierte zum Rückhalt und wirkte in 20 von 21 Partien mit. Zudem gelang dem Keeper das Kunststück, bei den aufeinanderfolgenden Partien in Stadtallendorf und gegen Ginsheim je zwei Elfmeter pro Partie, also vier insgesamt, mit Paraden zu entschärfen. Der vom TSV Bad Nauheim zurückgekehrte Kamber Koc konzentrierte sich auf seine Rolle als Co-Trainer und vertrat Chefcoach Weber, als dieser einmal wegen einer Klassenfahrt mit seinen Schülern sowie wegen einer starken Erkältung passen musste.

Der ehemalige Nationalspieler Haitis Shelby Printemps kam aus der Regionalliga Nordost vom FSV Optik Rathenow und wurde dank seiner Schnelligkeit und Ballgewandtheit mit neun Treffern zum besten Torschützen. Zudem legte der in Miami geborene Fußballer noch sechs Tore auf. Auch der vom FC Gießen gekommene Regionalliga-erfahrene Erdinc Solak überzeugte nicht nur mit sechs Toren in der Offensive, sondern auch als Führungsspieler. Rückkehrer Sebastian Weigand war in der Innenverteidigung bis zu seiner Verletzung gesetzt und überzeugte mit gutem Stellungsspiel.

Der aus Stadtallendorf geholte linke Verteidiger Ceyhun Dinler musste erst seine Verletzung auskurieren, bevor er sich mit zwölf Einsätzen in die Stammelf spielte. Der aus Zeilsheim verpflichtete Moussa Zie Ouattara war indes als rechter Verteidiger eine Bank. Den kleinen vielseitigen Ricardo Marra hatte Weber schon zu seiner Verbandsliga-Zeit bei Viktoria Nidda unter seinen Fittichen und holte ihn vor der Saison vom Hanauer Kreisoberligisten FC Hochstadt in seinen Hessenliga-Kader. Eray Eren im zentralen Mittelfeld, vom Ligakonkurrenten VfB Ginsheim gekommen, gehörte zum Stammpersonal.

Dagegen kam der zuletzt vereinslose Emrah Tahirovic auf der gleichen Position nur auf sieben Einsätze. Der kurz vor der Wechselfrist gekommene regionalliga-erprobte Keanu Hagley zeigte gute Ansätze und kann im Mittelfeld alle Positionen bekleiden. Nicht zu bewerten sind die ebenfalls nachverpflichteten Vincenzo Basile und Semih Aydilek. Während der ehemalige deutsche U20-Nationalspieler aufgrund mangelnder Anwesenheitszeiten nur drei Kurzeinsätze hatte und in die Kreisoberliga Frankfurt zu Türk Gücü Frankfurt wechselt, spielte der aus Worms gekommene Basile einsatztechnisch überhaupt keine Rolle und tritt nun berufsbedingt kürzer.

In Erinnerung bleibt:

Die als Zweitverein genutzte Sportanlage in Ober-Rosbach ist aufgrund ihres maroden Zustandes für so manchen Gastverein, der zum ersten Mal am Eisenkrain aufschlägt, gewöhnungsbedürftig. Die Umkleidekabinen befinden sich in einer angrenzenden Sporthalle, von wo die Fußballer bei Partien auf dem höher gelegenen Kunstrasen einen beträchtlichen Fußweg zu absolvieren haben.

Der Rasenplatz, auf dem die Hessenliga-Partien laut den Durchführungsbestimmungen primär auszutragen sind, konnte diesmal nur bis Ende September genutzt werden und ist seitdem nicht mehr bespielbar. Demzufolge muss zwangsläufig auf den kleinen Kunstrasen ausgewichen werden, der nur auf einer Seite Zuschauerränge bietet.

Fantechnisch fehlt dem Verein durch die Austragung der Heimspiele in der Provinz die Bindung zur Kreisstadt Friedberg. Lediglich 146 Zuschauer kamen im Schnitt zu den schon 13 absolvierten Heimspielen. Die beste Kulisse bildeten die 380 Zuschauer beim Gastspiel von Hessen Kassel, wobei gut und gerne 250 Fans den Nordhessen zuzuordnen waren.

Die Pressekonferenz findet in der Regel im Vereinsheim des ortsansässigen Kreisoberligisten FC Ober-Rosbach statt, welches vom Hessenligisten mitbenutzt wird. Bei gutem Wetter oder besonderen Umständen kann diese aber auch von Pressesprecher Selim Karanfil im Freien geleitet werden. Kurios: Die mobile Sponsorentafel steht bei Spielbeginn am Eingang und kann dann entweder ins Vereinshaus oder an eine andere Stelle des Sportplatzes gerollt werden.

Ausblick:

Der unübersichtliche Spielplan beschert den Friedbergern nach der Winterpause satte sieben Auswärtsspiele, davon die letzten vier in der so wichtigen Endphase der Saison im Mai. Ergo gibt es nur noch vier Gelegenheiten, sich vor heimischer Kulisse zu präsentieren. Das kommt auch deshalb zustande, weil das Heimrecht der ausgefallenen Partie in Bad Vilbel kurzfristig gedreht wurde, um die Partie noch in 2019 stattfinden zu lassen.

Bei sieben Punkten Vorsprung auf den ersten derzeitigen Abstiegsplatz sind die Aussichten auf ein drittes Hessenliga-Jahr sehr gut. Mit dem Auftakt gegen das auswärtsstarke Hanau 93 sowie bei Aufstiegsanwärter FC Eddersheim ist der Auftakt aber recht happig.

Im März und April gastieren dann nacheinander die drei osthessischen Teams SV Steinbach, SG Barockstadt Fulda-Lehnerz und SV Neuhof am Eisenkrain. Die Friedberger haben einen breiten Kader und genügend spielerische Qualität, um die Saison im gesicherten Mittelfeld zu beenden und nicht mehr in Abstiegsgefahr zu geraten. Trainer Weber leistet hervorragende Arbeit und kommt bei Vorstand, Mannschaft und Umfeld mit klaren Ansagen sympathisch rüber.

Zudem lässt sich der Klub auch auf dem Wintertransfermarkt nicht lumpen: Wie der "Kicker" in seiner gedruckten Ausgabe bereits vermeldete, sichern sich die Friedberger die Dienste von Innenverteidiger Markus Auer vom Regionalligisten FC Bayern Alzenau.

Autor: Pedro Acebes