Seligenstadt verabschiedet sich mit Wahnsinns-Spiel

Kreispokal-Finale Offenbach: 7:4 nach Verlängerung gegen Hessen Dreieich

23. Mai 2017, 23:21 Uhr

Tino Lagator und Dorian Ahouandyinou im Luftkampf. Seligenstadt gewann am Ende mit 7:4 nach Verlängerung. Foto: Pedro Acebes.

Die Sportfreunde Seligenstadt haben sich am Mittwochabend mit einem wahnsinnigen Kreispokal-Finale von der "großen Fußballbühne" verabschiedet. Der Hessenligist, der in der kommenden Saison nur noch in der Gruppenliga Ost angesiedelt ist, verteidigte seinen Titel mit einem dramatischen 7:4-Sieg nach Verlängerung und schlug dabei keinen Geringeren als den frischgebackenen Hessenliga-Meister SC Hessen Dreieich, der sich nach 22 Minuten mit einer 3:0-Führung scheinbar sicher auf der Siegerstraße befand.

Sportfreunde Seligenstadt - SC Hessen Dreieich 7:4 nach Verlängerung (4:4/0:3)

Tolle Schlussworte richtete Seligenstadts Trainer Lars Schmidt an sein Team. Foto: Patrick Scheiber.

370 Zuschauer auf neutralem Platz in Heusenstamm sahen ein hochklassiges Finale, welches von der Dramaturgie her nichts für schwache Nerven war. Seligenstadt wollte trotz des Rückzuges noch einmal eine Duftmarke setzen und obwohl schon vorher feststand, dass durch die Meisterschaft der Dreieicher beide Vereine in der kommenden Saison im Hessen-Pokal starten dürfen, entwickelte sich eine ganz starke Partie. Philipp Hochstein verpasste nach zwei Minuten die Führung für das Team von Trainer Lars Schmidt. Auf der Gegenseite machte es der Meister besser und ging im Gegenzug durch Ralf Schneiders Flachschuss mit 1:0 in Führung (3.). Als Tino Lagator mit seinem Doppelschlag nach 22 Minuten auf 3:0 für die "Hessen" erhöhte, schien es auf ein Schützenfest der Dreieicher hinauszulaufen, doch die Sportfreunde waren gar nicht so schlecht in der Partie. Das dokumentierte die Tatsache, dass Seligenstadt sehr gute Tormöglichkeiten hatte. Kevin Hillmann traf dabei den Pfosten, nach einer Flanke von Patrick Hilser köpfte Torjäger Dalmeida an die Querlatte. Aber auch auf der anderen Seite wurde das Aluminium getroffen. Alban Lekaj versuchte Sportfreunde-Torhüter Daniel Duschner mit einem Heber zu überwinden, der als Aufsetzer an der Latte landete. Trotz des klaren 0:3-Rückstandes gab Seligenstadts Trainer Lars Schmidt sein Team nicht auf und fand in der Kabine die passenden Worte: "Ich habe immer gesagt, dass die Jungs einen einwandfreien Charakter haben. Ich habe vor dem Spiel gesagt, dass wir mit dieser Mannschaft nächstes Jahr in der Hessenliga eine gute Rolle gespielt hätten. Heute haben wir auch mit einem Rumpfaufgebot gespielt, aber die Spieler haben sich alle entwickelt. In der Halbzeit haben wir es etwas gerichtet, weil wir Probleme über die linke Seite hatten".

Der Ex-Profi brachte zur zweiten Hälfte Marcus Willand für den enttäuschenden Philipp Hochstein und leitete mit diesem Schachzug die Wende ein. Denn der neue Mann brauchte keine 55 Sekunden, da verkürzte er auf 1:3 aus Sicht der Sportfreunde (46.). "Mit seinem ersten Ballkontakt hat er das 1:3 gemacht. Das war der Dosenöffner. Dann lief das Ding, denn die Jungs können Fußball spielen. Deswegen sind sie auch begehrt in der Liga und das ist auch schön so", sagte Lars Schmidt nach der nervenaufreibenden Partie. Denn jetzt starteten die Einhardstädter gegen nachlässige Dreieicher eine unglaubliche Aufholjagd. Drei Minuten nach dem ersten Treffer war Patrick Hilser zur Stelle und verkürzte auf 2:3 (49.). Nach 64 Minuten eilte Kapitän Viktor Krist mit nach vorne und köpfte eine Freistoß-Flanke zum 3:3 ein. "Ich habe darauf hingewiesen, dass wir auch in der ersten Halbzeit sehr gute Chancen hatten und das 1:0 machen mussten. Für mich war der einzige Unterschied, dass Dreieich die Chancen besser genutzt hat. Wir sind zunächst fahrlässig mit den Möglichkeiten umgegangen und wollten es dann regulieren. Dass wir es dann so regulieren, dass ist eine Wahnsinns-Geschichte, die Du als Trainer nicht beeinflussen kannst", war Lars Schmidt hellauf begeistert.

Böttler verschießt Foulelfmeter - Hillmann erzwingt die Verlängerung!

Die Rückwechselregel auf Kreisebene wird laut Dreieichs Trainer Rudi Bommer vor Pokalspielen nicht klar kommuniziert. Foto: Patrick Scheiber.

Denn es ging noch dramatischer weiter. Als sich alle schon mit der Verlängerung anfreunden wollten, kam Denis Talijan und markierte aus 16 Metern das 4:3 für Hessen Dreieich (88.). Doch damit nicht genug! In der Nachspielzeit brachte SCHD-Torhüter Norbert Loch seinen früheren Eschborner Kollegen Kevin Hillmann zu Fall und es gab Elfmeter. Dem eingewechselten Seligenstädter Yves Böttler versagten die Nerven, Loch konnte den Strafstoß halten (90./+2). Doch mit dem letzten Angriff gelang Hillmann mit einem Heber doch noch das 4:4, welches die Verlängerung bedeutete (90./+3). In den zusätzlichen 30 Minuten gab es Chancen hüben und drüben, den längeren Atem hatte aber Seligenstadt. Yves Böttler (102.), Kevin Hillmann (110.) und Patrick Hilser (112.) schossen noch einen Sieg mit drei Toren Differenz heraus und durften am Ende einen berauschenden Pokalsieg feiern. "Schade, dass die Mannschaft jetzt auseinander bricht. Die Spieler können sich bei Problemen immer an mich wenden, weil es von den Typen her einfach eine tolle Truppe war. Von den Menschen her hat es super gepasst und das fußballerische hat sich auch entwickelt", fand Lars Schmidt ein tolles Schlusswort. Hessen Dreieichs Trainer Rudi Bommer nahm die Niederlage am Ende recht gelassen: "Für den Fußball war das schon Werbung, weil in diesem Spiel nicht mehr allzu viel Brisanz lag, weil beide Teams im Hessen-Pokal waren. Für die Zuschauer war das ein tolles Event, denn so viele Tore siehst Du nicht alle Tage. Natürlich darf man nach einer 3:0-Führung das Spiel nicht so verschenken. Auch nicht nach dem 4:3, nachdem es erledigt gewesen wäre. Da haben wir den Gegner aufgebaut und über den Ball getreten. Die hauen das Ding rein und wir müssen in der Verlängerung nachsitzen. Der eine oder andere war von der Kraft her am Ende. Sie haben eine Riesen-Saison gespielt mit den Widrigkeiten, nicht aufsteigen zu dürfen. Zum Schluss mussten wir nervenstark sein, um noch Meister zu werden. Der Pokal hat für mich immer eigene Gesetze gehabt. Ich war selbst dreimal im Pokalendspiel und habe den Pott zwei Mal geholt".

Für Verwirrung sorgte die Rückwechselregel auf Kreisebene, sowie die Möglichkeit, in der Verlängerung noch einen vierten Spieler zu wechseln. Bommer hatte seine ausgewechselten Akteure Alban Lekaj, Danny Klein und Tino Lagator schon zum Duschen geschickt, Schmidt hatte gar keinen vierten Mann mehr als Alternative. Dazu Bommer: "Ich war kurz vor dem Beginn der Verlängerung auf dem Platz und habe gefragt. Hätte man uns dies vorher mitgeteilt, hätte ich die Spieler nicht reingeschickt, sondern hätte sie draußen sitzen gelassen und wieder eingewechselt. Das ist jetzt aber nicht so tragisch. Das Problem gab es schon in Neu-Isenburg beim Halbfinale. Wir haben noch einmal nach dem Spiel darüber diskutiert. Auf Kreisebene ist das so, aber demnächst sollte diese Info vor dem Spiel klar kommuniziert werden".

Die Statistik:

Sportfreunde Seligenstadt: Duschner - Ahouanyinou, Salii (71. Böttler), Krist, Hilser, Hochstein (46. Willand), Löbig, Dalmeida, Mladenovic, Hillmann, Kunisch - Trainer: Lars Schmidt.
SC Hessen Dreieich: Loch - Kohl, Gavric, Lekaj (58. Dudda), Henrich, Klein (67. Fiorentino), Talijan, Schneider, Weiss, Lagator (80. Di Maria), Opper - Trainer: Rudi Bommer.

Schiedsrichter: Kai Vonderschmidt (Mühlheim).
Zuschauer: 370.
Tore: 0:1 Ralf Schneider (3.), 0:2 und 0:3 Tino Lagator (19./22.), 1:3 Marcus Willand (46.), 2:3 Patrick Hilser (49.), 3:3 Viktor Krist (64.), 3:4 Denis Talijan (88.), 4:4 Kevin Hillmann (90./+3), 5:4 Yves Böttler (102.), 6:4 Kevin Hillmann (110.), 7:4 Patrick Hilser (112.).
Besonderes Vorkommnis: Dreieichs Torhüter Norbert Loch hält Foulelfmeter von Seligenstadts Yves Böttler (90./+2).

Autor: Pedro Acebes

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